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5.2.2012 : 6:41

Was ist ein Comprehensive Cancer Center?



Erstes Marburger CCC-Symposium am 25. Juni 2005



A. Neubauer1, M. Middeke2

1 Klinik für Innere Medizin, Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Immunologie,
2 Marburger Interdisziplinäres Tumorzentrum, Klinikum der Philipps-Universität Marburg

Krebs ist in den USA bereits jetzt die führende Todesursache. Es wird erwartet, daß diese Entwicklung sich auch in den europäischen Ländern vollziehen wird und Krebs in der Mortalitätsstatistik die Herz-Kreislauferkrankungen überholen wird. Eine der Hauptursachen für die steigende Rate an Krebserkrankungen ist die Altersstruktur der Bevölkerung. Darüber hinaus erkranken aber auch immer
mehr jüngere Menschen an Krebs. Besonders dramatisch haben Lymphome zugenommen. Hier sind die Ursachen weithin unklar.

Durch die großen Fortschritte der Molekularbiologie und die komplette Sequenzierung des menschlichen Genoms ist klar geworden, daß Krebs immer eine genetische Erkrankung ist. Bei einem kleinen Teil der Patienten sind diese genetischen Veränderungen angeboren; bei dem viel größeren Teil jedoch werden die genetischen Fehler der Tumorzellen im Laufe des Lebens erworben, z.B. durch Zigarettenkonsum. Eine entscheidende Konsequenz daraus ist, daß Krebsmortalität effektiv vor allem durch geeignete Präventionsmaßnahmen gesenkt werden kann. Diese müssen bereits im Kindes- und Jugendlichen-Alter (Diät; Vermeidung von Nikotin) einsetzen. Es ist klar, daß solche Maßnahmen eine große Geduld erfordern, da sie erst langfristig ihre Wirkung entfalten können. Interessanterweise ist schon jetzt zu erkennen, daß die aggressiven Antiraucherkampagnen der letzten Jahre in den USA bereits zur Verminderung des Nikotinkonsums bei Jugendlichen geführt haben. Es ist davon auszugehen, daß sich dies in einer signifikanten Senkung der Lungentumorinzidenz und -mortalität in ca. 15-20 Jahren darstellen wird. Während in den USA eine klassische staatliche Strategie zur Vermeidung von Nikotinkonsum verfolgt wurde, ist eine solche leider in unserem Land bisher nicht zu erkennen.

Krebstherapie basiert zum einen auf lokalen Methoden wie der Chirurgie und Strahlentherapie, zum anderen auf medikamentösen Methoden, die überwiegend bei fortgeschrittenen Erkrankungen zum Einsatz kommen (Immun- und Chemotherapieverfahren). Es hat sich herausgestellt, daß bei vielen Tumoren eine Kombination dieser Verfahren die Heilungschancen deutlich verbessern kann. Daher ist eine enge Kooperation der verschiedenen Disziplinen für die Betreuung von Tumorpatienten essentiell. Gewährleisten kann dieses der Zusammenschluß in sogenannten interdisziplinären Tumorzentren mit regelmäßig stattfindenden Tumorkonferenzen, wo alle Disziplinen kompetent vertreten sind. Adjuvante Therapiestrategien, die per se immer mehrere Disziplinen in die Therapie einbinden, werden mittlerweile bei einer Mehrzahl der soliden Tumoren regelhaft durchgeführt. Zu nennen sind hier beispielsweise das Mammakarzinom, das kolorektale Karzinom, aber in letzter Zeit auch das Magenkarzinom und das Bronchialkarzinom. Bei anderen Erkrankungen wie dem Pankreaskarzinom sind zwar positive Daten für adjuvante Therapiestrategien publiziert, doch besteht noch eine gewisse Reserviertheit bei vielen Kollegen, diese durchzuführen. Auch neoadjuvante Therapieverfahren finden zunehmend Einzug. Ob diese das Überleben jedoch verbessern, wird meist noch in klinischen Studien geprüft.

Die Krebsforschung hat in den letzten Jahren dramatische Entwicklungen getan. Man versteht nicht nur die Biologie vieler, vor allem häufiger, Krebserkrankungen, es können bereits auch erste zielgerichtete (tumorspezifische) Medikamente eingesetzt werden, die bestimmte Krebsarten teilweise spektakulär bekämpfen (z.B. bei bestimmten Leukämien). Es kann davon ausgegangen werden, daß sich diese rasante Entwicklung in den nächsten Jahren noch fortsetzt.

Der Fachbereich Medizin und das Klinikum der Philipps Universität Marburg haben als wesentlichen Forschungsschwerpunkt die Tumorbiologie und klinische Onkologie etabliert. Dieser konnte durch Einwerben von Drittmitteln z.B. der Deutschen Forschungsgemeinchaft (DFG) (wie z.B. eines Graduiertenkollegs, eines Transregio- Sonderforschungsbereiches) sowie verschiedener Schwerpunktprogramme zur Tumorforschung und Stammzellbiologie in den letzten Jahren deutlich gestärkt werden. Zudem ist in Marburg ein Koordinierungszentrum für Klinische Studien (KKS) angesiedelt, welches eine hervorragende Infrastruktur zur Durchführung klinischer Studien bereitstellt. Folgerichtig wurde vor einigen Jahren das Marburger Interdisziplinäre Tumorzentrum (MIT) gegründet (Sprecher: Professor Dr. Andreas Neubauer, Klinik für Hämatologie, Onkologie und Immunologie). Daneben wurde das Brustzentrum (Professor Dr. U. Wagner) bereits rezertifiziert. Hiermit ist die kritische Masse für die Gründung eines sogenannten Comprehensive Cancer Center (CCC) erreicht.

Ein CCC unterscheidet sich nun von einem Tumorzentrum durch seine allumfassende Mehrschichtigkeit. Im Zentrum steht die Tumorbiologie, die in Marburg im Institut für Molekularbiologie und Tumorforschung (IMT) angesiedelt ist. Eigene grundlagenorientierte Forschungsprojekte sind essentielle Voraussetzung für die Weiterentwicklung zu einem CCC. Dazu kommt zweitens die dynamische Entwicklung einer Interaktion IMT-Klinik, z.B. mit Rotationsprogrammen für junge Kliniker in die Tumorbiologie. Und drittens muß in einem CCC die Interaktion der Kliniker nicht nur mit der Forschung, sondern gerade auch mit diagnostischen Fächern wie der Radiologie, der Pathologie und der Klinischen Chemie exzellent funktionieren, gesichert durch die Mitgliedschaft aller diagnostischen Fächer im Tumorzentrum. Mit der konsequenten Weiterentwicklung der Forschung in der Tumorbiologie in den letzten Jahren, einer darauf abzielenden Berufungspolitik in Vorklinik und Klinik und dem hervorragenden Verständnis der Kollegen untereinander sind die Voraussetzungen für ein Gelingen eines CCC gegeben.

Aufgaben der Zukunft werden sein, die Interaktionen noch weiter zu stärken, klinische Forschung auch im Sinne der Versorgungsforschung zu verbessern, die regionale Vernetzung auch zu den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen zu intensivieren und die auf verwandten Gebieten der Tumor- und Immunbiologie arbeitenden Gruppen in der Region, zum Wohle der Forschung, aber vor allem auch der Patienten, mit einzubinden.

Um die weitere Entwicklung und Planung des Marburger CCC transparent und wissenschaftlich fundiert zu gestalten, wird am 25. Juni 2005 das erste, mit nationalen und internationalen Referenten besetzte Marburger CCC-Symposium zum Aufbau und zur Funktion eines Comprehensive Cancer Center stattfinden. Auf der Tagesordnung stehen neben der Grundlagenforschung und ihrer Einführung in den klinischen Alltag (from Bench to Bedside) die Zertifizierung eines CCC nach amerikanischem Vorbild, die Integration klinischer Studien, die Einbettung der studentischen Lehre und die Vorteile eines CCC aus der Sicht der Patientenverbände. Das CCC-Symposium steht unter der Schirmherrschaft der Deutschen Krebshilfe und des Hessischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Alle interessierten Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiter aus dem medizinischen Umfeld, Studierende der Medizin, sowie Patientinnen und Patienten bzw. deren Angehörige sind hiermit herzlich zur Teilnahme eingeladen. Aktuelle Informationen und Anmeldeformulare finden Sie auf der Internetseite www.ccc-marburg.de.

Korrespondenzadresse:



Professor Dr. med. Andreas Neubauer
Klinik für Innere Medizin,
Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Immunologie
Klinikum der Philipps-Universität Marburg
Baldingerstraße, 35043 Marburg

des Hessischen Ärzteblatts vom Juni 2005