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„Die kritische Masse für ein CCC ist erreicht“
Einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem Krebskompetenzzentrum unternahm die Universitätsklinik mit ihrer ersten CCC-Tagung.

- Große Pläne gut gelaunt angehen. Auf der Pressekonferenz am 24. Juni, die der 1. Marburger CCC-Tagung vorausging, waren mit dabei (von links): der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Professor Dr. Matthias Schrappe, der Direktor der Frauenklinik, Professor Dr. Uwe Wagner, der Geschäftsführer des CCC Marburg in Gründung, Martin Middeke, die Direktorin der Klinik für Strahlentherapie, Professorin Dr. Rita Engenhart-Cabillic, der Direktor der Klinik für Innere Medizin, Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Immunologie, Professor Dr. Andreas Neubauer, und der Direktor der HNO-Klinik, Professor Dr. Jochen A. Werner.
Im Juni fand die 1. Marburger Comprehensive Cancer Center-Tagung statt. Sie diente dazu, die weitere Entwicklung und Planung des Marburger CCC auf eine umfassende wissenschaftliche und organisatorische Basis zu stellen.
Die Vereinigten Staaten haben es längst vorgemacht: Das im Jahr 1937 etablierte Nationale Krebsinstitut (NCI, National Cancer Institute) koordiniert die Forschung und setzt Maßstäbe für die klinische Praxis im ganzen Land. Eine ähnliche Einrichtung fordert auch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) in Frankfurt am Main, die hierzulande unzureichende Behandlungserfolge bemängelt. Zu vielfältig sind die verschiedensten Ansätze zur Erforschung und Behandlung der Krankheit, als dass isolierte Einrichtungen den notwendigen Austausch zwischen Forschern und Klinikern, zwischen Diagnostikern und Operateuren bewerkstelligen könnten.
Ein Krebskompetenzzentrum nach dem Vorbild der US-amerikanischen Comprehensive Cancer Centers (CCC) könnte den Weg weisen: Dort wurden fünfzig solcher Zentren vom NCI zertifiziert, zudem gibt es zahlreiche regionale CCCs. Einrichtungen dieser Art könnten auch in Deutschland bei der Verbesserung der Tumortherapie helfen. „Die kritische Masse ist erreicht“, sagt Professor Dr. Andreas Neubauer, Sprecher des Marburger Tumorzentrums, „um auch in Marburg ein solches Zentrum zu errichten und auf entsprechende nationale Strukturen zu drängen“ – denn die Schwerpunkte des hiesigen Fachbereichs Medizin liegen unter anderem in der Tumorbiologie und der Klinischen Onkologie.
Nachdem bereits vor einiger Zeit eine Neugründung des Tumorzentrums in Form des Marburger Interdisziplinären Tumortherapiezentrums (MIT) erfolgt war, ging diese nun in eine großzügig von der Deutschen Krebshilfe unterstützte CCC-Initiative über. Am 25. Juni 2005 luden der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Professor Dr. Matthias Schrappe, und der Dekan des Fachbereichs Medizin, Professor Dr. Bernhard Maisch, gemeinsam mit Andreas Neubauer und den Vertretern der onkologischen Disziplinen schließlich zur 1. Marburger CCC-Tagung ein. Internationale Referenten trugen ihre Erfahrungen und Ideen vor, wie sich die für ein Krebskompetenzzentrum erforderliche Kombination aus (Grundlagen-)Forschung und klinischer Praxis sowie der Austausch mit diagnostischen Fächern wie Radiologie, Pathologie und Klinischer Chemie umsetzen lassen – im klinischen Alltag ebenso wie in den Labors.

- Weltweit anerkannt: Professorin Dr. Clara Bloomfield, Leiterin des Ohio State University Comprehensive Cancer Centre, des größten CCC der USA. Sie gilt als beste Kennerin solcher Einrichtungen und sprach nun auch auf der 1. Marburger CCC-Tagung.
Der gewählte Zeitpunkt ist günstig, denn die „kritische Masse“ ist in der Tat vorhanden: Neben einem Graduiertenkolleg der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), einem DFG-Sonderforschungsbereich und Schwerpunktprogrammen zur Tumorforschung und Stammzellbiologie sind in Marburg auch das MIT, ein Institut für Molekulare Biologie und Tumorforschung (IMT), ein Koordinierungszentrum für Klinische Studien (KKS) und das von der DKG zertifizierte Brustzentrum Regio angesiedelt. Zudem ist die Stammzellherstellung zertifiziert. Obendrein sind hier „zahlreiche klinische Professuren onkologisch besetzt“, erklärt Neubauer, die jeweiligen Fachleute legen also auch Schwerpunkte auf Krebsforschung und -behandlung.
Für Andreas Neubauer ist die Verknüpfung von Klinik und Forschung bereits Alltag. Nach einem Zwölfstundentag auf der Station verbringt er anschließend noch einige Stunden im Forschungslabor. Mit gutem Grund: „Wenn ich eine ehemalige Patientin sehe, der man ihre bösartige Tumorerkrankung nicht mehr ansieht, die aber vor fünf Jahren nur noch eine Lebenserwartung von wenigen Monaten hatte, dann habe ich da eine konkrete Aufgabe.“ Dann geht Neubauer ins Labor, um herauszufinden, was in ihrem Immunsystem anders ist als bei anderen Patienten. Und entdeckt beispielsweise, zusammen mit anderen Kollegen, dass die Bekämpfung einer durch ein Magenbakterium hervorgerufenen Infektion gleichzeitig auch eine Krebserkrankung zum Verschwinden bringen kann. Über seine aktuellsten Projekte will er allerdings nicht reden: „Erst, wenn sie publiziert wurden.“
Mit einem CCC verbindet Neubauer unter anderem auch die Erwartung, „dass junge Mediziner durch Rotationsprogramme sowohl an die klinische Praxis als auch an die Tumorbiologie herangeführt werden.“ Dies zu bewerkstelligen ist indessen nicht einfach, denn der enorme Arbeitsaufwand schreckt den Nachwuchs manchmal ein wenig ab. Umso wichtiger also, den Jungmedizinern Entwicklungswege an der Schnittstelle zwischen Labor und Station aufzuzeigen.
Erklärtes Ziel der Marburger Professoren um Andreas Neubauer ist es nun, alle Kliniken und Institute der Philipps-Universität, die direkt oder indirekt mit der Behandlung von Patienten mit Krebsleiden befasst sind, am CCC eng zusammen arbeiten zu lassen und Institute der Grundlagenforschung wie das IMT mit dem CCC zu assoziieren. Gleichzeitig befindet sich auch eine zentrale Tumorambulanz im Aufbau, außerdem sind unter anderem die Errichtung einer Clinical Trial Unit und der Ausbau des KKS vorgesehen.
Mit ihrer ersten CCC-Tagung haben die Mediziner nun einen weithin hörbaren Startschuss abgefeuert: „Moderne Konzepte wie das unsere werden in Zukunft gerade unter dem Aspekt der abnehmenden Ressourcen eine zentrale Rolle spielen“, so der Ärztliche Direktor Schrappe. „An der Universität Marburg und den Universitätskliniken Gießen und Marburg werden wir die Fortentwicklung eines Krebskompetenzzentrums daher in den nächsten Monaten in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen.“
Weitere Informationen
Homepage des 1. Marburger CCC-Symposiums: www.ccc-marburg.de
Professor Dr. Andreas Neubauer, Professor Dr. Matthias Schrappe
Klinikum der Philipps-Universität
Baldingerstraße
35043 Marburg
Tel.: (06421) 58 66100 und 66272
E-Mail:
neubauer(at)staff.uni-marburg.de
„Was ist ein Comprehensive Cancer Center?“
Beitrag von Professor Dr. Andreas Neubauer im Hessischen Ärzteblatt:
http://www.laekh.de/upload/Hess._Aerzteblatt/2005/2005_06/2005_06_05.pdf
„Funktionen und Aufgaben eines interdisziplinären Tumorzentrums“, Neubauer et al., Deutsche Medizinische Wochenschrift 2002; 127: 901-906
des Marburger
UniJournal 22/2005



